003 Warum es uns oft schwerfällt Gefühle zu fühlen

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003 Warum es uns oft schwerfällt Gefühle zu fühlen

Leben lieben

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Hallo und herzlich willkommen zum Nachtrag meiner letzten Podcast Episode. Ich bin nach der letzten Folge mehrfach gefragt worden, warum es uns oft so schwerfällt, überhaupt Gefühle zu fühlen. Diese Frage finde ich auch interessant und ich möchte gerne ein bisschen was dazu erzählen.

Ein anderes Beispiel

Ich möchte es erst einmal auf etwas anderes beziehen, weil es dann vielleicht ein bisschen deutlicher wird, nämlich auf den Körper. Stell Dir mal vor, dass Du dich verletzt. Du fällst zum Beispiel die Treppe runter oder stößt dich am Stuhl oder schneidest Dir mit einem Messer in den Finger. Was dann passiert mit deinem Körper ist, dass die Muskeln sich anspannen, Du hältst den Atem an und alles zieht sich irgendwie zusammen.

Das ist eine ganz normale Reaktion auf Schmerz und auf Verletzungen, auf etwas was Dir widerfahren ist – körperlich. Du spannst Dich an, Du hältst fest und vielleicht ist es sogar so, dass Du nicht einmal hinschauen magst.

Und ganz genau so geschieht das auch auf seelischer Ebene. Wenn wir seelisch verletzt worden sind, und das sind wir alle, dann passiert genau das Gleiche. Wir verschließen uns und die Seele zieht sich zusammen.

Manchmal ist es vielleicht sogar um das nackte Überleben gegangen. Aus dem Schutz heraus ist es so, dass die Seele sich dann zusammengezogen hat und dabei eine glatte und undurchsichtige Oberfläche hinterlassen hat. Unter dieser Oberfläche gibt es eingekapselte und zurückgebliebene Geschwüre oder Schürfwunden. Die Verluste und die Verletzungen von früher wurden unter dieser glatten Oberfläche eingekapselt.

Es gibt weder positive noch negative Gefühle

Ich bin in den letzten Tagen auch mehrfach gefragt worden, wie ich damit umgehe als Gestalttherapeutin, wenn Menschen zu mir kommen und nicht fühlen können. Dazu möchte ich Dir ein bisschen was von meiner Arbeit erzählen und dazu, wie die Gestalttherapie das sieht und wie ich damit umgehe. Gestalttherapeutische Prozesse laden ein, sich behutsam wieder zu öffnen. Nämlich so behutsam, dass das was unter der Oberfläche ist, ganz behutsam wieder zum Vorschein kommen kann.

Das Behutsame ist etwas, was mir total wichtig ist. Denn die meisten Menschen, die zu mir kommen, fühlen erstmal gar nicht gerne ihre Gefühle. Dann ist es wirklich wichtig für mich, die Menschen einzuladen, ganz behutsam zu fühlen. Das geht über die Entfaltung und das Trainieren des Gewahrseins und die Verbesserung von Wahrnehmungsfähigkeit.

Nur dann, wenn wir im Gewahrsein haben was da ist oder was vielleicht unter der Oberfläche schlummert, dann können wir allmählich handlungsfähiger werden. Wenn Menschen zu mir in die Praxis kommen ist es oft so, dass sie gar nicht fühlen oder ihre Gefühle lieber weghaben wollen. Aber ganz ehrlich, ich finde das sehr nachvollziehbar und mir geht es auch oft so, dass ich möglichst nur die guten Gefühle fühlen möchte und die schlechten lieber vermeiden möchte.

An der Stelle liegt schon das Problem. Nämlich, dass wir Menschen Gefühle in „negativ“ oder „positiv“ einordnen. Da kommt für mich der wichtigste Satz zum Tragen: „Was ist, darf sein.“. Alle Gefühle, egal ob sie sich gut oder schlecht anfühlen, sind wichtige Gefühle und haben eine große Berechtigung.

Stell dir mal vor, dass du das Gefühl der Traurigkeit oder die Trauer nicht lebst, dann wirst du im Endeffekt auch nicht mehr so lebendig und lebensfroh sein. So hat also das Gefühl der Trauer eine große Berechtigung, um später wieder im Leben lebensfroh sein zu können. Meine Arbeit besteht darin, Menschen wieder zu ermutigen, zu fühlen. Natürlich kann es auch sein, dass wir weinen, wenn wir fühlen. Das ist ja oft das, was Menschen nicht so gerne haben und nicht so gut aushalten können. Aber Weinen geschieht einfach, wenn wir die Starre verlassen und wenn alles wieder ins Fließen kommt. Weinen ist daher ein Zustand von seelischer Gesundung und die Tränen können ein Zeichen von Heilung sein. Ich möchte jedoch betonen, dass in meiner Praxis nicht nur geweint, sondern auch sehr viel gelacht wird.

Wir brauchen Vorbilder

Denn es ist ja auch ein Gefühl, dass wenn wir lachen, dass wir lustig sein können, dass wir fröhlich sein können. Das ist auch ein wichtiger Bestandteil des Fühlens.

Ich persönlich habe früher nicht gerne gefühlt, weil ich Angst davor hatte, meine Gefühle zu fühlen und weil ich auch keine Vorbilder dafür hatte, die mir gezeigt haben, wie es ist oder dass man es aushalten kann, auch starke Gefühle wahrzunehmen und zu fühlen. Im Laufe der letzten Jahre, habe ich es durch Vorbilder gelernt, dass es ok ist und dass es wichtig und richtig ist zu fühlen. Ich habe es immer mehr gelernt und mag es mittlerweile auch gerne, mich berühren zu lassen, mich innerlich von meinem Gegenüber berühren zu lassen, das ist etwas ganz Wertvolles. So dass ich wiederum ein Vorbild sein kann für den Menschen, der vor mir ist.

Ich glaube tatsächlich, dass es in der Welt mehr Vorbilder geben muss für’s Fühlen und dass es insgesamt wichtiger wird, dass Menschen überhaupt fühlen lernen. Wenn ich also möchte, dass Menschen, die zu mir in die Praxis kommen fühlen lernen, dann muss ich bereit sein, einen Raum zu öffnen, wo ich selbst bereit bin zu fühlen und auch zu transportieren, dass das was ich fühle in Ordnung ist und sein darf.

Ein wichtiger Nachtrag

Nun bin ich schon wieder am Ende mit dieser Episode. Mir war es sehr wichtig, diesen Nachtrag zur letzten Episode noch zu machen, weil ich nach der letzten Folge viele Fragen gestellt bekommen habe, warum manche Menschen nicht fühlen können und wie ich damit umgehe und wie ich die Menschen die zu mir kommen, dazu einlade und ermuntere, sich ihren Gefühlen wieder behutsam zu nähern.

Ich danke Dir ganz herzlich für Deine Zeit, die Du Dir genommen hast, mir zuzuhören. Ich hoffe, dass Dir diese Folge gefallen hat. Wenn sie Dir gefallen hat, dann hinterlasse gerne eine gute Bewertung für mich. Ich wünsche Dir eine gute Zeit und ich hoffe, dass Du bei der nächsten Folge auch wieder dabei bist. Hab’s gut!

Deine Andrea.

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